Geschichte neu schreiben mit Stoffen. Die Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas.

Dre Frauen und drei Kinder gehen durch einen dunklen, düsteren Wald.

Screenshot aus dem Film „Noncia“.

Bunt und heiter wirken die geblümten Kleider, die farbigen, stark gemusterten Jacken, Pullover, Schals. Doch die Menschen, die sie tragen, sind auf einem schweren Weg. Sie sind Roma aus Polen, und der Film „Noncia“ erzählt eine Geschichte von Vertreibung und Tod. Und auch vom Überleben.

Die polnische Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas hat für diesen Kurzfilm die Illustrationen und das Design geschaffen. Wie in ihren Bildern arbeitete sie mit Stoffstücken, setzte daraus die Kleidung jeder einzelnen Figur zusammen. Gesichter, Hände und auch Bäume, Wald, Sträucher sind als Zeichnungen ausgeführt. Der Hintergrund: Deutsche Soldaten vertrieben und ermordeten ab 1941 Tausende polnische Roma, viele wurden zu Zwangsarbeit verschleppt oder kamen in Konzentrationslagern um.

Stoffe machen in diesem Film den Unterschied: Bunt, in lebensbedrohlicher Lag und trotzdem mutig die Roma. Diejenigen, die die Menschen mit Gewalt aus ihren Häusern und Dörfern holten, werden nur mit schwarzer Farbe gezeichnet, als Silhouetten oder Figurinen ohne schmückende, schützende Stoffe, die Identität, Lebendigkeit zeigen.

Screenshot aus dem Film „Noncia“

Was erzählt der Film? Alfreda „Noncia“ war 16 Jahre alt, als fast alle Mitglieder ihrer Familie ermordet wurden. Sie selbst versteckte sich erst, wurde jedoch gefasst und in Zwangsarbeiterlager verschleppt. Der Film verdichtet ihre Geschichte auf einen zentralen Kern: bei der Arbeit an Bahnschienen streckte ihr jemand ein kleines Kind durch die Luke eines Viehwaggons entgegen, mit dem Menschen in ein KZ deportiert wurden. Noncia nahm das Kind, verbarg es in ihrer Schürze, brachte es ins Lager. Nach einer Weile flohen Noncia und einige andere Frauen in die Wälder, nahmen den Jungen mit. Sie überlebten den Herbst, den folgenden Winter. Nach und nach fanden sie in den Wäldern noch weitere Kinder, nahmen sie in ihre Gruppe auf oder brachten sie zu vertrauenswürdigen Familien und retteten sie so vor den Nazis.

Der Film ist ein Denkmal, eine Würdigung für die echte Alfreda „Noncia“ Markowska, eine polnische Romni. Schätzungsweise 50 Kindern und Jugendlichen hat sie das Leben gerettet und erhielt dafür im hohen Alter eine der höchsten polnischen Auszeichnungen, den Orden Polonia Restituta – als einzige Romna, die dieses Ehrenzeichen bekommen hat.

Alfreda „Noncia“ Markowska, 2006. Bild: Ask wiki, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Die Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas ist Romna, lebt in Polen und ist seit einigen Jahren auf der großen Bühne des internationalen Kunstbetriebs präsent. Sie arbeitet bevorzugt mit Stoffen: Kleidung, die sie vor allem von ihrer Mutter, Freund*innen, Menschen ihrer Umgebung erhält und als Reservoir für ihre Kunst bewahrt.

Ihre Arbeiten waren bereits auf der Biennale in Venedig zu sehen und auf der documenta, in der Tate St. Ives, im Kunstmuseum Bregenz, einige zur Zeit im Lenbachhaus München. Sie führt der Welt Bilder aus dem Leben der Rom vor Augen, zeigt die Menschen, die so viel geschmäht, verfolgt, verhöhnt wurden (und werden) in Würde, mit Verweisen auf Geschichte, auf ihr Können, ihre Liebe, ihre Familien.

Aus der Serie Out of Egypt. Derzeit im Lenbachhaus, München, in der Ausstellung Shifting the Silence. Foto: Ulrike Miller

Shifting the Silence ist der Titel der Ausstellung mit zeitgenössicher Kunst – Das Schweigen verschieben: Im Zyklus Out of Egypt berichtigt Małgorzata Mirga-Tas eine der falschen Herkunftsgeschichten über Rom*nja: nicht aus Ägypten stammen sie, sondern aus Indien. Künstler wie Jacques Callot stützten mit verkitschten Bildern diffamierende Räuber- und Diebeslegenden.

Jacques Callot, Die Rast der ***, die Festvorbereitungen. Wohl zwischen 1622 und 1625 entstanden. In dem kurzen Text oben links heißt es, diese Menschen seien „aus Ägypten gekommen“.

Jacques Callot, Ausschnitt aus der obigen Radierung

Małgorzata Mirga-Tas, Detail. Bild: Ulrike Miller

Małgorzata Mirga-Tas bezieht sich direkt auf diese Darstellungen und stellt Realität dagegen, vor allem starke Frauen, die selbstbewusst, zugewandt mit ihren Familien leben. Sie zeigt die Menschen mit Würde und Vertrauen, und bietet den Blick der Zeitgenossin an: „Schau hin! Lass Lügen und Stereotypen hinter dir, denn unser Leben ist anders als das.“

Miri Baba, Textil und Acryl auf Leinwand, 2025. Zur Zeit im Lenbachhaus in München. Foto: Ulrike Miller

Die Stoffe für die Szenerien setzt sie direkt auf den Untergrund, ohne aufwendige Patchworktechniken, auch Federn, Stücke von Pelzen, kleine Objekte kommen dazu. Wie in dem ganz zu Anfang genannten Film werden Gesichter, Hände, Arme, Beine, die nicht bedeckt sind, von Hand gezeichnet.

Viele ihrer Arbeiten sind in großen Formaten gestaltet, sie sind nicht zu übersehen, nicht kleinzureden. Ob Textilien ein „weibliches“ Material sind? Wieder ein Klischee. Małgorzata Mirga-Tas wendet sich mit einer entschiedenen feministischen Haltung der Gegenwart, der Geschichte, den Lügen und auch den Märchen und Mythen zu. Meistens mit Stoffen, durchaus auch mit Wachs und Ruß für Skulpturen, mit Engagement für Bildung, und auch mal mit einem Film.

Quellen:

„Noncia“, Youtube  –  https://www.youtube.com/watch?v=0rVnGg5HboA

Roma Center – Roma Antidiscrimination Network:

KUB 2025, Kunsthaus Bregenz: https://www.youtube.com/watch?v=TzYgjSwQ6Hg

Wikipedia:  https://de.wikipedia.org/wiki/Ma%C5%82gorzata_Mirga-Tas

Städtische Galerie im Lenbachhaus München:

      https://www.lenbachhaus.de/programm/ausstellungen/detail/shifting-the-silence und weitere Artikel in der internationalen Kunstpresse  


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