{"id":140,"date":"2024-10-16T15:21:14","date_gmt":"2024-10-16T13:21:14","guid":{"rendered":"https:\/\/mille1000.de\/?page_id=140"},"modified":"2024-10-17T01:55:09","modified_gmt":"2024-10-16T23:55:09","slug":"140-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/home\/cillarim\/140-2\/","title":{"rendered":"Texte Cillarim Der Riss"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-right\">Ich warte voll Schmerz. Ich denke, ich selbst<br>habe mich verborgen.<br>Es gibt noch allerhand zu tun. Meine H\u00e4nde<br>Sind recht geschickt im Spitzenn\u00e4hen auf Seide.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size\"><em>Sylvia Plath, Drei Frauen<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:36px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-global-padding is-layout-constrained wp-container-core-group-is-layout-650790e1 wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<h1 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-x-large-font-size\"><strong>Der Riss<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\" style=\"margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-small-font-size\">Erschienen in der Sammlung Ghost Reiterinnen der Gedok M\u00fcnchen<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:29px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ihre Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber dem, was ist, habe ich den Heimatlosen insgeheim immer geneidet. Auch an dem Tag, als ich zum erstenmal Bekanntschaft mit dem Haus und seinen fr\u00fcheren Bewohnern machte, fuhr ich herum, wie ich es gelegentlich tue, einerseits ziellos, aber durchaus suchend in genau dieser Gegend. Mittagessen unter den Arkaden, die den Hauptplatz eines kleinen Ortes s\u00e4umten. Oktoberwind. Warm, mit einer Unterstr\u00f6mung, die schon den Winter in die Schatten zeichnete. Mein Tisch stand gesch\u00fctzt auf der Terrasse des Lokals. Das Essen war einfach, angemessen. Ich schaute \u00fcber den Platz, die geparkten Autos, den Brunnen in der Mitte, das Karr\u00e9e aus Platanen, das die Linien der H\u00e4userzeilen nachzog. Ein Spielfeld, dessen Regeln ich nicht kannte. Ich hatte keinerlei Erwartungen, sp\u00fcrte mein Fremdsein, ignorierte es ebenso wie den Wunsch, dazuzugeh\u00f6ren, der mich wie oft in solcher Umgebung auch jetzt anfiel und mir jedes Mal die Vorstellung eingibt, s\u00e4mtliche Menschen, die ich an anderen Tischen, in Gesch\u00e4ften, vor ihren Fahrzeugen, mit Eink\u00e4ufen, Hunden, Kindern sehe, w\u00e4ren hier verwurzelt, am f\u00fcr sie einzig richtigen Ort, unl\u00f6sbar und wie eingeschrieben hinter die Fenster und Mauern.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Am Nebentisch stach einer mit dem Finger in die Luft: &#8211; Abrei\u00dfen! Alle rundum renovieren. Und dabei immer den verkommenen alten Kasten vor der Nase.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ein anderer: &#8211; Wer soll das zahlen? Teuer. Und wenn es weg ist, was dann?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Der erste: \u2013 Keine Ahnung. Ich \u00e4rgere mich dar\u00fcber, so ist es.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Noch einer: &#8211; Sch\u00f6ner wird&#8217;s nicht vom Leerstehen. Man m\u00fcsste jemanden interessieren daf\u00fcr. Aber ruhig ist es jetzt dort, das schon.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ein Impuls von Redelust lie\u00df mich fragen: &#8211; Gestern gab mir jemand auf dem Markt hier einen Zettel: Seidenraupenzucht. Das ist neu, oder?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Der neben dem Abrissfreund Sitzende sah mich an, taxierend, dann so freundlich, wie man ohne M\u00fche zu Durchreisenden ist.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Neu? Zwei, drei Jahre. Junge Leute. Verr\u00fcckt, finde ich. Fr\u00fcher, ja, da hatten wir das. Aber jetzt? Seidenraupen. Wer will so etwas schon haben? Aber die halten durch. Nicht weit, mit dem Auto zehn Minuten. Wohnen Sie hier in der N\u00e4he?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Noch nicht. Ich sehe mich um, suche ein Haus. Mit Garten. Kann alt sein.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Hier stehen einige leer.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Mir fiel eines auf, mit einem sch\u00f6nen Tor und einer Palme.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Die M\u00e4nner sahen sich an, schwiegen, tranken einen Schluck Wein. Dann einer:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ach, das. Aber das ist nichts. Man m\u00fcsste viel investieren. Von Grund auf. Sogar das Fundament, glaube ich &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Abrei\u00dfen, das w\u00e4re das beste f\u00fcr die H\u00fctte. Was wollen Sie damit?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ich bin Geographin, mit vielen B\u00fcchern, brauche Platz. Auf dem Land aufgewachsen. Genauer: in den Bergen. In der Woche habe ich Seminare an der Universit\u00e4t, in der Stadt. Ich m\u00f6chte gern hier leben. Hier ist es offener und w\u00e4rmer.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Zur Stadt ist es nicht weit, stimmt. Der Notar wei\u00df vielleicht etwas.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Im B\u00fcro des Notars stand ein Fenster offen, ein Luftzug wirbelte Papiere vom Schreibtisch. Der Mann lie\u00df sich auf die Knie, sammelte die Bl\u00e4tter ein.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Das Haus der Schwestern interessiert Sie? Seit zwei Jahren sind sie fort. Er hob die H\u00e4nde. &#8211; Ich wei\u00df nicht, wo sie sind. Aber ich habe eine Vollmacht von Ang\u00e9line, der \u00e4lteren, und kann Ihnen den Schl\u00fcssel geben.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Eine Vollmacht? Auch f\u00fcr einen Verkauf?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Aus einem Umschlag nahm er einen Schl\u00fcsselbund und ein Blatt Papier, hielt es vor mich, doch ich konnte nicht lesen, was darauf stand.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 \u201aAchten Sie auf das Haus&#8216; hat sie geschrieben. Wir werden sehen. Falls Sie ernsthaft \u2026 &#8211; es wird sich schon eine M\u00f6glichkeit finden &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Er bot mir Tee an und sprach weiter, w\u00e4hrend er einschenkte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Was kann ich Ihnen sagen? Die beiden Schwestern sind eingezogen, erst die \u00e4ltere, dann Zo\u00eb, die j\u00fcngere, als ihre Mutter Hilfe brauchte. Die hatte die Schneiderei unter den Arkaden.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 La Princesse, neben dem Restaurant? Habe ich gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Genau die. Die \u00e4ltere hat sie weitergef\u00fchrt. Lief sehr gut. Sie war begabt. Sie liebte Stoffe. Und Farben! Das Hochzeitskleid meiner Tochter &#8211; herrlich. Auch aus der Stadt kamen Kundinnen, nicht wenige. F\u00fcr ihr Gesch\u00e4ft hatte sie Markisen gen\u00e4ht, bunt, nur so, weil die Farben schon drau\u00dfen wirken sollten. Man konnte sie mit Stangen aufstellen, orientalisch, ganz \u00fcberraschend.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Und die andere? War sie auch so lebenslustig?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Zo\u00eb? Die sah man nicht so oft. Nein, nicht oft. Sie war &#8211; sie hatte &#8211; ich kann Ihnen das gar nicht genau sagen &#8211; merkw\u00fcrdig, wie verschieden sie waren, obwohl sie kaum ein Jahr voneinander trennte. Sie sahen einander sehr \u00e4hnlich, sehr \u00e4hnlich, aber es gab doch Unterschiede. Hier &#8211; er nahm ein Buch aus einem Schrank &#8211; sehen Sie: unsere Chronik, 800 Jahre war unser Ort da alt. \u00dcber manche, die hier lebten, k\u00f6nnen Sie darin etwas lesen. Das war viel Arbeit! Aber ich habe es gern gemacht. Da sind sie, die beiden.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Das ist Ang\u00e9line, die \u00e4ltere, das ist die j\u00fcngere.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Man erkennt es sofort, nicht wahr?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Und sie sind verschwunden, ohne zu sagen wohin?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ohne zu sagen wohin.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Bis zu den ersten Strahlen des Abendrots sa\u00df ich dann im Wintergarten, der an den Salon grenzte. Ein heller Raum, er gefiel mir sofort, mit Rattanm\u00f6beln und einem Ausblick \u00fcber Garten und Landschaft. Filigran gearbeitete Eisenteile und Streben fassten die Scheiben und T\u00fcren, Jugendstil, aufwendig restauriert. Zuvor ging ich durch einige Zimmer im Erdgescho\u00df, \u00f6ffnete Fenster, die T\u00fcren eines kleinen Balkons am Ende des Flurs im ersten Stock. Das Mobiliar schien noch ziemlich komplett zu sein: St\u00fchle, Tische, Betten, an den W\u00e4nden Bilder. In den Schr\u00e4nken hing Kleidung. Geschirr, T\u00f6pfe, Besteck in der K\u00fcche passten zu einem Haushalt, in dem viel gekocht wird. Ein imposanter Herd stand auch da: breit, Gas und Elektro, an der Seite ein Fach, das mit Holz geheizt wurde. Ich m\u00fcsste einen K\u00e4ufer daf\u00fcr finden. Teppiche lagen zusammengerollt an den W\u00e4nden. Die Holztreppe knarzte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Verlassen war das Haus, das schon, doch anscheinend in seiner Einsamkeit respektiert. Weder an der Eingangst\u00fcr noch am Gartentor hatte ich Spuren eines Einbruchs bemerkt. Der Schl\u00fcssel drehte sich leicht im Schloss, und die T\u00fcr vom Wintergarten auf die Terrasse hinaus lie\u00df sich so einfach \u00f6ffnen, als w\u00e4re sie erst ge\u00f6lt worden. Den Garten pflegte niemand, das konnte nicht \u00fcberraschen. Aber ich erkannte an den in geschwungenen Linien verlaufenden Beeteinfassungen, an Gruppen von abgebl\u00fchten Stauden und auch an dem, was einmal ein glatter Rasen gewesen sein musste, dass fr\u00fcher jemand viel Arbeit investiert hatte. Das Grundst\u00fcck schien weitl\u00e4ufig zu sein, ein Zaun verlor sich in Geb\u00fcsch, lief auf eine Laube zu. Doch ich blieb auf dem Sofa sitzen, schaute nur hinaus. Versuchte nicht, Wege zu finden, Obstb\u00e4ume oder Beerenstr\u00e4ucher zu entdecken. Ich lie\u00df mich umfangen von Stille, von der Frage, ob dies ein Ort f\u00fcr mich sein k\u00f6nnte. Ich sah nicht nach, ob es tats\u00e4chlich ganz hinten einen Bach gab, wie der Notar gesagt hatte: &#8211; Man m\u00fcsste ihn einmal fassen. Im Winter kommt er manchmal \u00fcber die Ufer.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ich trat nur kurz auf die Terrasse. Bis unter die Dachtraufe wucherte gl\u00fchend roter Wilder Wein, lag als breite Zunge \u00fcber der ganzen Seite des Hauses, oben ausfransend in d\u00fcnnen, lockigen Tentakeln. Zu sagen, dass ich mich als Eindringling f\u00fchlte, w\u00e4re zu viel, ich hatte auch nicht das Gef\u00fchl, das Haus enthielte eine schwer zu entschl\u00fcsselnde Botschaft oder irgendwelche aufscheuchbare Geister. Mir schien eher, dass etwas v\u00f6llig zu war. Komplett verschlossen. Das gesamte in diesem Haus gelebte Leben &#8211; immerhin die Geschichte einer Familie \u00fcber einige Jahrzehnte &#8211; wie in einen Sack gepackt, zugebunden und zus\u00e4tzlich mit einem G\u00fcrtel verzurrt. Ein gro\u00dfer, grober, schwerer Sack, den man auf die Ladefl\u00e4che eines Pickups werfen und irgendwohin verfrachten sollte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ich besa\u00df keinen Pickup und konnte auch nichts Schweres heben. Und ich trug so gut wie nie einen G\u00fcrtel. Der Sack f\u00fcllte das Haus aus, ich stocherte daran herum.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Von der Stra\u00dfe kommend hatte mir das Geb\u00e4ude gleich wieder gefallen, wie am Tag zuvor, als ich den Herbstmarkt des Ortes besuchte. Verzie-rungen um die Fenster und an den Ecken verliehen ihm eine gewisse Zartheit, dabei wirkte es trotzdem solide und stark. Die Palme &#8211; die ein-zige weit und breit -, deren lange Wedel im Wind raschelten, nahm mich mit ihrer Grandezza zus\u00e4tzlich sofort ein. Das Haus stand als Solit\u00e4r auf dieser Stra\u00dfenseite, rechts und links nur Brachland. Der Mann vom Restaurant, der es am liebsten abrei\u00dfen wollte, hatte nicht unrecht: die Nachbarn auf der anderen Seite &#8211; deren G\u00e4rten nach S\u00fcden lagen &#8211; investierten in gef\u00e4llige Anbauten und bunte Anstriche, ihre Vorg\u00e4rten waren peinlich sauber. Im Vergleich damit wirkte das Haus wie aus der Zeit gefallen, vorgestrig. Eine H\u00fclle, die Altes zu enthalten schien, wo man ringsum der Gegenwart mit vielen Anstrengungen huldigte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">F\u00fcr den n\u00e4chsten Tag verabredete ich mit dem Notar, dass ich noch einmal den Schl\u00fcssel holen w\u00fcrde und mich dann so lange wie n\u00f6tig aufhalten, die Ma\u00dfe der Zimmer nehmen und mir einen genaueren \u00dcberblick \u00fcber den Zustand des Hauses verschaffen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ich ging systematisch vor, begann im Erdgescho\u00df. Foyer, K\u00fcche, ein Badezimmer, ein kleiner Salon, ein Schlafzimmer. Hier hatte &#8211; die Ma\u00dfe der M\u00f6bel legten den Schluss nahe &#8211; Zo\u00eb, die j\u00fcngere und wohl deutlich kleinere Schwester gelebt; schon auf dem Foto in der Chronik wirkte sie recht zierlich. Hinter ihrem Schlafzimmer lag noch ein Raum, mit Schreibtisch, Sessel, Kommode, Bett. Von der K\u00fcche kam man in Salon und Wintergarten. Mein Herumgehen, die Arbeit mit Ma\u00dfband und Stift, mein sachliches Tun als m\u00f6gliche k\u00fcnftige Besitzerin \u00e4nderten nichts an dem Eindruck von undurchdringlicher Schwere, von gallertartig verdichteter Luft, die mir gerade genug und nur dort Raum gab, wo ich ging und stand und sich sofort wieder verschloss, wenn ich mich bewegte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">In Ang\u00e9linas Salon im ersten Stock wollte ich die Vorh\u00e4nge \u00f6ffnen und erschrak bis in mein Innerstes, als sich im schwachen Mittagslicht in einer Ecke eine menschliche Silhouette abzeichnete. Sie stand starr, gl\u00e4nzte eigenartig und hatte keinen Kopf. Eine Schneiderpuppe, mit einem hohen Fu\u00df aus Holz. Wie die Haut eines Reptils bedeckte ihren Korpus ein Panzer aus dicht gesteckten Stecknadeln, einige hundert, die jemand gr\u00fcndlich und entschieden in den Rumpf gebohrt hatte, bis nichts mehr vom Stoff des \u00dcberzugs zu sehen war. Um den Hals zog sich eine Linie aus roten und goldenen Nadelk\u00f6pfchen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ich riss das Fenster auf, holte tief Luft.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Auf einem Arbeitstisch stand abgedeckt eine N\u00e4hmaschine, ein Schrank enthielt Utensilien. Ang\u00e9linas Kleiderschrank im Schlafzimmer war gut best\u00fcckt. Ich sah genauer nach: auch im Bad schien nichts zu fehlen, Cremes, Haarb\u00fcrsten, Taschent\u00fccher, sogar die Zahnb\u00fcrste stand da. Handt\u00fccher, W\u00e4sche, Str\u00fcmpfe.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">In Zo\u00ebs R\u00e4umen dasselbe: dickere Jacken, Pullover und w\u00e4rmere Kleider f\u00fcr den Winter, luftige f\u00fcr den Sommer. Dessous, Str\u00fcmpfe, Schuhe f\u00fcr alle Jahreszeiten. Mir fiel auf, wie dunkel es hier war, trotz der fast bodentiefen Fenster. Vorh\u00e4nge, Kissen, Mobiliar &#8211; alles in Grau- oder tiefen Braunt\u00f6nen, auf dem Bett lag eine schwarze Decke. Ang\u00e9lina dagegen schwelgte in kr\u00e4ftigen hellen Farben, violette Kissen, gelbe Vorh\u00e4nge, pinkfarbene Kleider. In dem Raum hinter Zo\u00ebs Schlafzimmer wieder eine \u00dcberraschung: die Kommode neben dem Bett enthielt W\u00e4sche, Hemden, Hosen f\u00fcr einen Mann. In einem Papierkorb stak ein Paar M\u00e4nnersandalen. Im Bad der gleiche Eindruck wie oben: alles war vorhanden, f\u00fcr eine Frau und einen Mann.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ein Aufbruch ohne Gep\u00e4ck? Wollten die Frauen &#8211; und der Mann &#8211; zur\u00fcckkehren? Der Notar hatte mir doch zu verstehen gegeben, dass ich das Haus kaufen k\u00f6nnte. Meine Verunsicherung wuchs. Ich wollte versuchen, mehr zu erfahren.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Im oberen Flur hatte ich eine Tapetent\u00fcr bemerkt. Eine enge, steile Treppe dahinter brachte mich auf den Dachboden. Geraschel und Fl\u00fcgelschlagen in einer Ecke, ein gr\u00f6\u00dferer Vogel st\u00fcrzte aus einer offenen Luke davon, wahrscheinlich ein K\u00e4uzchen oder eine Eule. Man roch, dass hier ein Tier lebte. Aber darunter stieg mir ein anderer, hauchd\u00fcnner, eigenartiger Geruch in die Nase, den ich nicht bezeichnen konnte. Meine Augen gew\u00f6hnten sich an das d\u00e4mmrige Licht, und ich erkannte einen Lehnstuhl, eine Stehlampe, einen kleinen Schreibtisch. Ein Platz zum Arbeiten, f\u00fcr R\u00fcckzug und Stille. Daneben standen Kartons und Kisten. Die steile Treppe verhinderte offenbar, dass Gr\u00f6\u00dferes abgestellt wurde. Eine transparente Folie deckte den Sessel ab, sie hing bis auf den Boden. Ich trat versehentlich auf den Rand und stie\u00df mit dem Fu\u00df an etwas: eine alte, tiefe Waschsch\u00fcssel aus Porzellan, in der eine nur wenig abgebrannte Kerze befestigt war, das Kabel der Stehlampe lag auf der Sch\u00fcssel. Ich hob sie hoch, und da verdichtete sich der seltsame Geruch, so fein, dass ich die Luft anhalten musste, um ihn wahrzunehmen. Benzin. Die Sch\u00fcssel mit der erloschenen Kerze hatte Benzin enthalten. \u00dcberrascht wollte ich mich auf den Lehnstuhl setzen, als ich sah, dass sich auf der Folie \u00fcber der Sitzfl\u00e4che eine Wasserpf\u00fctze gebildet hatte. Anscheinend leckte das Dach an dieser Stelle. Auch auf dem Boden f\u00fchlte ich Feuchtigkeit. Das Kabel war angeschnitten worden.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Nein, keine Panik \u00fcberfiel mich. Nur eine Art Schmerz, tief und ziehend. Mein Atem sperrte sich, als h\u00e4tte mir jemand auf den Brustkorb geschlagen, ich keuchte, schluckte, es war eng, m\u00fchsam fand ich wieder in ein Gleichma\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Wer? Und weshalb? Jemand hatte hier ein Refugium geschaffen, von dem aus schlie\u00dflich das ganze Haus zerst\u00f6rt werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">In der Schublade des Schreibtischs lagen Hefte, f\u00fcnfzehn oder f\u00fcnfundzwanzig. Jede Seite beschrieben. Tageb\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Einige Stunden lang sa\u00df ich danach auf der Terrasse und las. In den Heften zu lesen war die einzige M\u00f6glichkeit, mein Entsetzen aufzufangen. Ich stochere nicht im Leben anderer herum, um daraus Befriedigung zu ziehen. Es f\u00e4llt mir eher schwer, \u00fcber Pers\u00f6nliches zu sprechen und wenn andere dies tun, bef\u00e4llt mich oft ein Gef\u00fchl von Peinlichkeit. Ich mag die Anonymit\u00e4t von Statistiken und Kennziffern, hinter denen sich das Private verbergen kann. Doch da unter dem Dach sprangen Angst, Verweigerung und Tod mich an; es musste sofort etwas geschehen, ich brauchte W\u00f6rter, Text, Gespr\u00e4ch, um nicht schreiend auf die Stra\u00dfe zu laufen. Ich packte die Hefte, st\u00fcrzte die Treppe hinunter, rannte durch den Wintergarten nach drau\u00dfen. Und las mich durch Ang\u00e9linas fremdes Leben.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Sp\u00e4ter ging ich in den Garten, folgte dem unter Moos einwachsenden Kiesweg bis zu der windschiefen Laube. Dahinter filzte sich Geb\u00fcsch in-einander, doch ich wollte zu dem Bach, zur Grenze, die das Ganze hier haben musste. Den Bach zu erreichen, erwies sich als unm\u00f6glich, ich h\u00f6rte ihn, kam aber nicht hin. Ziemlich nah bei der Laube lag ein Wiesenfleck. Dort stie\u00df ich auf die \u00dcberreste einiger Schneiderpuppen, ange-kohlt, halb verbrannt, die Korpusse aufgerissen, zerschnitten, zerfetzt, von Regen zermatscht. Ein Autodaf\u00e9. Unter dem Gemenge aus Werg, Stoff, Holz entdeckte ich zwei vermoderte Fotoalben.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Alles, was einmal war, hatte verschwinden sollen. Das war misslungen. Verschwunden blieben bis jetzt die drei Menschen aus dem Haus.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Es war schon Abend, als ich bei dem Notar l\u00e4utete. Eine Frau \u00f6ffnete und erkl\u00e4rte, dass ihr Mann nicht zuhause sei. Ich gab ihr den Schl\u00fcssel und auch das P\u00e4ckchen mit den Heften und bat sie, dass ihr Mann dies mit den anderen Dokumenten in Verwahrung halten sollte. Nach meiner Lekt\u00fcre und dem Gang durch den Garten mochte ich die Hefte nicht mehr anfassen, ich schlug den ganzen Stapel in ein Geschirrtuch ein und verschn\u00fcrte das mit K\u00fcchengarn.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Sie fragte, ob mir das Haus gefiele?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Aus der Wohnung kam ein Duft nach warmem Essen, Fleisch, Gem\u00fcse, und ich sp\u00fcrte meinen Hunger. &#8211; Ja, sagte ich, das Haus ist gut, aber &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Es ist Ihnen wahrscheinlich zu gro\u00df? Und erst der Garten!<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Das nicht. Nur &#8211; ich z\u00f6gerte, wusste nicht, ob ich \u00fcberhaupt fragen wollte und mit welchen Worten, zu tief sa\u00dfen der Schrecken und die Verletzung durch die geplante Vernichtung, die sich mir offenbart hatte. Aber vermutlich gerade deshalb sagte ich:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Wer genau hat dort eigentlich gewohnt? Und hat es an dem Tag, als sie abfuhren, geregnet? Wissen Sie das vielleicht noch?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Die Frau sah mich erst \u00fcberrascht, dann eindringlich an, als wollte sie eine versteckte Absicht von mir lieber rechtzeitig erkunden. Vielleicht knurrte auch noch mein Magen, jedenfalls sagte sie:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Haben Sie Zeit? Dann kommen Sie doch herein.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Im M\u00e4rz erreichte mich eine Nachricht vom Notar. Er schrieb von Neuigkeiten, die er zu dem Haus berichten k\u00f6nnte, falls ich noch Interesse h\u00e4tte. Und am Ende: &#8211; Meine Frau l\u00e4\u00dft Sie gr\u00fc\u00dfen, sie w\u00fcrde sich ebenfalls \u00fcber einen Besuch freuen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">In den vergangenen Monaten dachte ich ziemlich oft an das Haus mit der ernsthaften Palme. Seit dem Besuch dort habe ich kein anderes Objekt angesehen und bin nicht einmal mehr sicher, dass ich umziehen will. Man hat mir die Leitung des Instituts angeboten, ablehnen kann ich das eigentlich nicht gut. Sogar die neu eingesetzte Frauenbeauftragte der Universit\u00e4t begl\u00fcckw\u00fcnschte mich &#8211; und auch sich -, obwohl ich noch nicht zugesagt habe. Ich m\u00fcsste dann mehr als bisher in der Stadt sein und m\u00f6chte nicht fast t\u00e4glich einen weiten Weg haben.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Eigenartigerweise tauchten jedesmal, wenn sich das Haus in meine Gedanken schob, zuerst die Stangen und F\u00e4cher mit Blusen, T-Shirts, W\u00e4-sche, die gef\u00fcllten Kleiderschr\u00e4nke vor mir auf. Nur dieser Anblick, als ich die T\u00fcren der Schr\u00e4nke \u00f6ffnete: Eine Abreise ohne Ballast. Nichts kommt mit. Nichts. Allerdings bemerkte das damals anscheinend niemand. Die Frau des Notars wusste nat\u00fcrlich nicht mehr, ob es an dem Tag geregnet hatte, und ich sagte ihr nicht, dass dieser Regen, wenn es ihn gegeben haben sollte, die Kerze ausgel\u00f6scht haben musste, mit der das Geb\u00e4ude in Brand gesetzt werden sollte. Sie zeigte mir ein Kleid, das Ang\u00e9line ihr gen\u00e4ht hatte: elegant, zeitlos modern, sehr gelungen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Neben La Princesse liegt das B\u00fcro unserer Nachbarschaftshilfe. Dort bin ich ehrenamtlich engagiert, sagte sie damals an dem Abend. &#8211; Ang\u00e9line und ich tranken gern einen Kaffee zusammen, oder einen kleinen Ap\u00e9ritiv, wenn sie nicht viel zu tun hatte. Sie war flei\u00dfig, man sch\u00e4tzte ihre Arbeit. Aber Mitch sah das nicht ein.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Mitch war, oder ist, der Mann von Zo\u00eb? fragte ich.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Von Zo\u00eb, ja. Ob Mann, Freund, Lebensgef\u00e4hrte &#8211; keine Ahnung. Er wohnte auch dort. Ein eigenartiger Mensch. Wenn man ihm auf dem Markt begegnete oder bei einem Fest &#8211; ein liebensw\u00fcrdiger, reizender und fast hilflos freundlicher Mann. Und dann wieder &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Hat er auch hier gearbeitet?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Nein. Fast nur zuhause. Er hat Schmuck entworfen, f\u00fcr eine ausl\u00e4ndische Firma, Broschen, Ohrringe, Ketten, aus wertvollen Materialien. Er war sehr gefragt. Hat gut verdient. Das wei\u00df ich, weil er Ang\u00e9line daraus einen Vorwurf machte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 In seinem Zimmer war nichts, kein Werkzeug, kein Papier, kein Computer.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Die Frau hatte mich in die K\u00fcche gebeten und offerierte mir dort tats\u00e4chlich von dem Coq au vin, dessen Duft ich an der T\u00fcr gerochen hatte, dazu einen guten Rotwein. Jetzt stand sie auf, st\u00fctzte sich auf eine Stuhllehne und sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ich habe weder vorher noch seitdem einen Menschen erlebt, sagte sie, der so r\u00fccksichtslos zornig sein konnte, so w\u00fctend, so b\u00f6se &#8211; und das gegen\u00fcber anderen, die keinerlei Schuld traf. Das hat mich immer wieder fassungslos gemacht. Ich habe es einige Male mitangeh\u00f6rt, Wand an Wand. Und einmal auch erlebt.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Direkt in dem Haus?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Nein. Bei Ang\u00e9line im Atelier. Ich hatte eine Anprobe, zog mich gerade in der Kabine um. Mitch kam und sie bot ihm eine Tasse Kaffee an. Er wurde sofort ausfallend: das k\u00f6nne sie ja gut, Kaffee kochen, w\u00e4hrend er stundenlang herumt\u00fcfteln m\u00fcsste, allein, niemand w\u00fcrde ihn beachten, er bek\u00e4me nicht einmal zu essen, obwohl er ihnen &#8211; den beiden Schwestern, Schlampen, wie er sagte &#8211; diesen Luxusherd gekauft h\u00e4tte. Und er w\u00e4re ja auch derjenige, dessen Geld das Haus \u00fcberhaupt noch zusammenhielte, er h\u00e4tte den Wintergarten bezahlt, ma\u00dflose Kosten f\u00fcr das rostige Zeug. Aber das interessiere ja niemanden. Stattdessen w\u00fcrde sie hier an der N\u00e4hmaschine irgendwelche Lappen zusammenn\u00e4hen und ihre Schwester l\u00e4ge den ganzen Tag nur auf dem Sofa. Es war entsetzlich. Ang\u00e9line schrie erst auf. Dann war sie ganz still. Er br\u00fcllte, warf mit Sachen um sich, die er in die Finger bekam. Ich konnte mich nicht bewegen vor Schreck, und war ja auch in Unterw\u00e4sche. Aber dann habe ich mir mein Kleid umgewickelt und habe ihn rausgeworfen. F\u00fcrchterlich.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Wann war das?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ungef\u00e4hr ein Jahr, bevor sie verschwunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Daraufhin offenbarte ich ihr, was in dem P\u00e4ckchen war, und dass mich ihr Erlebnis nach der Lekt\u00fcre von diesen &#8211; Ang\u00e9lines &#8211; Tageb\u00fcchern nicht \u00fcberraschte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Aber was hat die Schwester gemacht? Die Gef\u00e4hrtin von Mitch?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Sie hat ihn verteidigt. Ang\u00e9line und ich sa\u00dfen damals lange zusammen. Sie hat sehr geweint und dann viel gesprochen. Sie war ratlos. Ihre Schwester liebte Mitch. Ich w\u00fcrde das sogar als abh\u00e4ngig bezeichnen. Nach jeder solchen Szene &#8211; und im Haus muss das oft vorgekommen sein &#8211; flehte ihre Schwester sie an, dass sie ihn nicht zur Rede stellen sollte, sie brauche ihn, er m\u00fcsse bleiben, er sei im Grunde ein lieber Mensch, der einen tiefen Kummer mit sich herumtrage. Undsoweiter.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Dagegen kann man nicht viel sagen, oder? Irgendeine kummervolle Geschichte tragen wir doch alle in uns.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Das schon, da gebe ich Ihnen recht, ohne Zweifel. Aber man versucht doch, das nicht so &#8211; wie soll ich sagen &#8211; damit anders umzugehen, als er das getan hat. Er hat es auch immer wieder verstanden, Ang\u00e9line zu \u00fcberzeugen. Und auch Zo\u00eb. Wer wei\u00df, ob er sich ihrer wirklich so sicher war. Warten Sie &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Sie ging ins Nebenzimmer, ich h\u00f6rte, wie sie eine Schublade aufzog, herumkramte. Sie kam zur\u00fcck und legte eine Kette auf den Tisch. &#8211; Von Ang\u00e9line, nach diesem Gespr\u00e4ch, als Dankesch\u00f6n. Ich wollte sie nicht nehmen. Wof\u00fcr denn? F\u00fcr&#8217;s Zuh\u00f6ren? Sie bestand darauf. Mitch hatte sie ihr einmal geschenkt.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ein sch\u00f6nes St\u00fcck. Amethysten, keine kleinen. Steht Ihnen sicher gut.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ein einziges Mal habe ich sie getragen, zu einem Konzert hier im Ort. Die Schwestern waren auch da. Als Zo\u00eb sie an mir gesehen hat, lief sie dunkelrot an und rannte aus dem Foyer. Sicher gab es dann wieder Streit. Ang\u00e9line hatte eine ganze Schatulle mit solchem Schmuck. Sie hat sie mir sp\u00e4ter einmal gezeigt.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Sie waren in dem Haus?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Die Frau des Notars nickte langsam und sah zur Seite, als k\u00f6nnte sie die Situation von damals dort noch einmal sehen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Eine Nachbarin von da drau\u00dfen hat beobachtet, wie Ang\u00e9line Mitch vor die T\u00fcr gesetzt hat. Zwei Koffer, ein gro\u00dfer Karton, wahrscheinlich seine Arbeitsmaterialien. T\u00fcr zugeknallt. Er trat dagegen. Hat gebr\u00fcllt. Mit einem Schuh wollte er wohl ein Fenster einwerfen. Aber Ang\u00e9line hatte &#8211; hier hielt die Frau des Notars die Hand vor den Mund und gluckste in unterdr\u00fccktem Lachen &#8211; die Polizei angerufen und die kamen genau da die Stra\u00dfe hoch, sch\u00f6n langsam im Streifenwagen. Mitch h\u00f6rte sofort auf. Und ein Taxi hatte sie ihm auch gerufen. Eingestiegen und weg. Nie mehr gesehen. Zumindest ich habe ihn nie mehr gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Und Zo\u00eb?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Tja, Zo\u00eb. Sie war schon lange krank. Eigentlich schon immer, wie Ang\u00e9line mir sagte. Wie das hie\u00df, habe ich vergessen. Jedenfalls wurde sie immer kleiner.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Eine fr\u00fchzeitige Vergreisung?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Eben nicht! Ihr Gesicht wurde immer kindlicher. Keinerlei Falten. Oder dieser Haarausfall. So etwas meinen Sie doch? Nichts. Sie wurde feiner, zarter, sah irgendwann aus wie eine Zehnj\u00e4hrige. Auch so klein und d\u00fcnn. Frappierend fand ich allerdings, dass ihre Stimme immer lauter wurde. Manchmal hat man sie bis auf die Stra\u00dfe geh\u00f6rt. Das hat diese Nachbarin erz\u00e4hlt. Eine Trompetenstimme. W\u00fctend. Irrsinnig w\u00fctend. Eine Mischung aus Weinen und Wut. Ich wei\u00df nicht, wie man das so lange ertr\u00e4gt. Sie konnte nicht arbeiten, Mitch hat sie unterhalten. Sagte er jedenfalls. Ang\u00e9line erwirtschaftete alles f\u00fcr das Haus, das Essen und so weiter. Das war schwer genug. Sie wissen ja, wie es mit Kleidung heutzutage ist. Nur noch billiges Zeug.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ja, ein Jammer. Aber dass man gar nicht wei\u00df, wo die beiden jetzt sind?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Nachdem Mitch verschwunden war, ist Zo\u00eb immer mehr verfallen. Sie streunte herum, schrie sofort, wenn man sie ansprach oder lag stundenlang am Rand des Steinbruchs. Vor meinem Mann nannte ich sie einmal einen Tyrannen. Ein Zwergtyrann. So klein, dass sie in eine gro\u00dfe Tasche gepasst h\u00e4tte. Aber eine Stimme wie ein Kompaniechef beim Exerzieren.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Nach dem, was ich gelesen habe, hat Ang\u00e9line sich an eine Klinik gewandt. Aber ihre Aufzeichnungen brechen dann ab.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Sie musste sie ins Krankenhaus in der Stadt bringen, zu den Schwestern von der Rue du Sel. Soviel ich wei\u00df, kam sie dort zur Beobachtung in eine psychiatrische Abteilung. Vielleicht kann mein Mann mehr erfahren. Vielleicht wurde alles gut?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Meinen Besuch bei dem Notar und seiner Frau musste ich dann noch einmal verschieben. So war es schon fast Ende April, als ich wieder in den Ort kam. Der ganze Platz mit seinen Nebenstra\u00dfen war zur Feier eines Fr\u00fchlingsfestes bunt dekoriert. La Princesse gab es nicht mehr, die R\u00e4ume waren jetzt mit der Nachbarschaftshilfe verbunden. Der Notar und seine Frau begr\u00fc\u00dften mich so herzlich, als w\u00fcrden wir uns schon lange kennen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Das wollte ich Ihnen pers\u00f6nlich zeigen, sagte der Notar und legte einen Zeitungsausschnitt auf den Tisch. Ein Provinzblatt weiter aus dem S\u00fcden berichtete \u00fcber eine Schiffstaufe. Auf dem Foto dazu hielt eine Frau gerade lachend eine Champagnerflasche in der Hand, um sie im n\u00e4chsten Moment auf den Rumpf einer gro\u00dfen Segelyacht zu werfen: Ang\u00e9line. Zu lesen war, dass sie am folgenden Tag mit ihrem Mann, dem Eigner der Yacht, und einigen G\u00e4sten f\u00fcr ein halbes Jahr zu einer Weltreise &#8211; ihrer Hochzeitsreise &#8211; aufbrechen wollte. Ein zweites Foto zeigte das Paar in einem Gesch\u00e4ft: feine M\u00f6bel, Antiquit\u00e4ten, Teppiche. Eigent\u00fcmerin: Ang\u00e9line. Filialen in New York und Hongkong sollten auf der Reise besucht werden. Der Artikel war kurz vor Weihnachten erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Was sagen Sie dazu? fragte der Notar.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Sie sieht gl\u00fccklich aus.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ja, sagte die Frau des Notars, und das freut mich f\u00fcr sie.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ich habe ein wenig weiter recherchiert, k\u00fcndigte der Notar mit einem gewissen Stolz an. Auf seinem Schreibtisch lag neben dem bekannten Umschlag das verschn\u00fcrte Paket mit den Tageb\u00fcchern. Er nahm ein Blatt Papier aus dem Umschlag. &#8211; Mitch lebt in China. In einem Zentrum der Schmuckindustrie. Er wird in leitender Position genannt. Zo\u00eb allerdings hat es nicht geschafft. Sie ist gestorben. Und zwar genau einen Monat, bevor Ang\u00e9line von hier aufgebrochen ist.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Haben Sie damals gesehen, ob Ang\u00e9line allein in ihrem Auto sa\u00df? fragte ich.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Nein, darauf habe ich nicht geachtet. Wollen wir uns das Haus gemeinsam ansehen?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ich wollte die beiden nicht entt\u00e4uschen, obwohl mir nicht mehr viel an dem Haus lag. Aber vielleicht konnte es mich doch noch einmal \u00fcberzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Schon in dem kleinen Foyer mit seinem gro\u00dfen, halbblinden Spiegel sp\u00fcrte ich wieder den Eindruck einer lastenden, nicht aufgel\u00f6sten Schwere. Doch ein wenig leichter schien alles geworden zu sein, vielleicht weil ich wusste, wie sich die Wege der fr\u00fcheren Bewohner ent-knotet hatten. Im Wintergarten \u00f6ffneten wir die T\u00fcr zur Terrasse, lie\u00dfen die frische Luft, den Duft von Gras, Wachstum, Beginn herein. Der Notar stand auf der Terrasse und sagte unvermittelt:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ich habe ja auch noch den Vater gekannt. Mein Vater hat ihn einige Male mitgenommen zum Tontaubenschie\u00dfen. Das hat man hier fr\u00fcher gern gemacht. Er war Vertreter f\u00fcr N\u00e4hmaschinen, B\u00fcgeleisen, so etwas, und viel unterwegs.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Das war dann auch das Problem, wie man h\u00f6rte, sagte die Frau des Notars.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ich sah sie an.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Die Mutter hat ihn (da waren die M\u00e4dchen zehn oder elf) &#8211; dazu machte sie eine Handbewegung, wie man etwas wegwedelt &#8211; wenn Sie mich verstehen? Seine Kunden waren ja Kundinnen, und er &#8211; naja, da war wohl das eine oder andere.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Man wei\u00df es nicht, wandte der Notar ein.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Jetzt verteidige du ihn noch! Zo\u00eb hat ihre Schwester immer damit erpresst.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Wie denn das? fragte ich.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Sie behauptete, wenn Ang\u00e9line Mitch rauswerfen w\u00fcrde, w\u00e4re sie ebenso selbsts\u00fcchtig wie ihre Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ach, du liebe G\u00fcte. So eine alte Geschichte ist das?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Die Frau des Notars sah ihren Mann an. &#8211; Ja. So eine alte Geschichte ist das.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ich seufzte leise, und h\u00f6rte im selben Moment, dass auch der Notar und seine Frau einen solchen Atemzug taten, der nach einem ganz und gar pers\u00f6nlichen, tiefen Seufzer wieder Luft gibt. Unsere Emotion und ihr unisono erklingendes Echo setzte sich fort, sank und sank, drang in das Haus, in das Fundament und verband sich weit unten mit einem Geflecht aus unabl\u00e4ssig flie\u00dfenden Luftstr\u00f6men, in denen sich alle Erinnerungen, alle Traurigkeiten und K\u00fcmmernisse unterirdisch bewegen, immerzu bewegen, ein in sanfter Hartn\u00e4ckigkeit wogender Ozean, den wir ignorieren, der uns n\u00e4hrt, dem wir nicht entkommen und auf dem wir versuchen, unser Leben in dahintreibenden Inseln zu bew\u00e4ltigen. Ein fl\u00fcssiges Magma des Wissens um die bohrenden Kr\u00e4fte unverheilter Verletzungen und schmerzender Narben, eine Verbindung von allen mit allen, von uns dreien mit den dreien, die hier gelebt und miteinander gerungen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ich ging die Treppe in den Garten hinunter, drehte mich um, sah die r\u00fcckw\u00e4rtige Fassade des Hauses und verbiss mir gerade noch einen Schrei.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Was ist? fragte der Notar, der mir nachgekommen war und auf der obersten Stufe stand. &#8211; Eine Schlange?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Ich deutete auf die Hauswand. &#8211; Im Herbst war der Wilde Wein davor.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Um Gottes Willen, sagte die Frau des Notars. &#8211; Das ver\u00e4ndert alles.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Wir sollten innen nachsehen, wie weit das reicht. Vielleicht ist es nicht so schlimm, sagte der Notar.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Nicht so schlimm? rief seine Frau. &#8211; Bist du dir im klaren, was das bedeutet?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u00dcber die ganze Hauswand klaffte vom Boden bis unters Dach ein gezackter Riss, bis tief ins Mauerwerk und so weit, dass man leicht eine gespreizte Hand hineinlegen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Wir liefen ins Haus. Dort fiel mir jetzt wieder auf, dass im Treppenhaus ein stark gef\u00e4ltelter, breiter Vorhang aus dunkelrotem Samt gespannt und an der Wand fixiert war &#8211; von der obersten Kante der Decke im ersten Stock bis auf die Steinplatten des Foyers, wo man eine gro\u00dfe, leere Pflanzschale in einem Eisengestell davor platziert hatte. Wir l\u00f6sten den schweren Stoff und sahen uns konfrontiert mit der Innenseite des Risses. Wild, w\u00fcst und hart durchzog er das Haus, teilte es mit einem gefrorenen Axthieb, und selbst der edle Samt konnte nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass das Geb\u00e4ude fast auseinanderbrach und nicht mehr bewohnbar war.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">Nachdem wir uns gefasst hatten, kehrten wir ins B\u00fcro des Notars zur\u00fcck. Er ordnete die verschiedenen Papiere in den Umschlag, verschloss ihn sorgf\u00e4ltig und legte ihn in einen Schrank. Dann sah er mich an.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Es tut mir leid. Das Haus hatte Ihnen gefallen, glaube ich.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Ja, aber es gab dort etwas, womit ich h\u00e4tte k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Und ich w\u00e4re nicht der richtige Gegner gewesen. Erkl\u00e4ren kann ich es nicht besser, aber das ist jetzt vielleicht nicht mehr notwendig.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:8px;margin-bottom:8px;padding-top:0;padding-bottom:0\">\u2013 Nein, sagte er, das ist nicht mehr notwendig. Das Haus hat alles selbst gekl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p style=\"margin-top:10px;margin-bottom:10px;padding-top:0;padding-bottom:0\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich warte voll Schmerz. Ich denke, ich selbsthabe mich verborgen.Es gibt noch allerhand zu tun. Meine H\u00e4ndeSind recht geschickt im Spitzenn\u00e4hen auf Seide. Sylvia Plath, Drei Frauen Der Riss Erschienen in der Sammlung Ghost Reiterinnen der Gedok M\u00fcnchen Ihre Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber dem, was ist, habe ich den Heimatlosen insgeheim immer geneidet. Auch an dem Tag, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":7,"menu_order":5,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-140","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/140","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=140"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/140\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":142,"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/140\/revisions\/142"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=140"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}