{"id":134,"date":"2024-10-16T13:59:08","date_gmt":"2024-10-16T11:59:08","guid":{"rendered":"https:\/\/mille1000.de\/?page_id=134"},"modified":"2024-10-17T01:55:14","modified_gmt":"2024-10-16T23:55:14","slug":"134-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/home\/cillarim\/134-2\/","title":{"rendered":"Texte Cillarim Floer versinkt"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group has-global-padding is-layout-constrained wp-container-core-group-is-layout-e43e8feb wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<h1 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-x-large-font-size\"><strong>Fl\u00f6r versinkt<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\" style=\"margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-small-font-size\">Einer der Texte, die sich der seltsamen Welt der G\u00e4rten und Pflanzen anzun\u00e4hern versuchen.<br>Erschienen in Biss M\u00fcnchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-small-font-size\"><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:39px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Nie von einer Biene gestochen. Oder Hummel, Wespe, Hornisse. Sah Fl\u00f6r, leicht rundliche, weiche Frau von mittlerem Alter, die in einem pers\u00f6nlichen, umfassenden Zustand von Gl\u00fcck lebte, dass die von ihr ausgew\u00e4hlten Blumen umflogen wurden von solchen Tieren, ging sie in die Knie und sch\u00fcttelte ihr kastanienbraunes Haar einige Male nicht zu wild von rechts nach links und zur\u00fcck. Mit den H\u00e4nden wedelte sie sanft im unteren Bereich der Pflanzen und sprach leise dazu. Nichts Spezielles, einfach so W\u00f6rter &#8211; Schinkensemmelsemm oder Parkplatzfriedenfrei &#8211; je nach Stimmung, nur auf die Luft kam es an, den kleinen Wind, den sie mit einem Wort eher heftig, mit einem anderen staubleicht erzeugte. Immer flogen die Insekten z\u00fcgig ab und gaben ihr freie Bahn. Gesichert hatte sie vorher schon, darauf geachtet, dass nicht so bald Leute vorbeikommen w\u00fcrden, obwohl ihr das letztlich v\u00f6llig egal war, Risiko hin oder her. Da sie beinahe w\u00f6chentlich ein Blumenbad ben\u00f6tigte, eilten ihre Finger ge\u00fcbt \u00fcber Kn\u00f6pfe und Rei\u00dfverschl\u00fcsse, das wei\u00dfe Sprungkleid trug sie direkt auf der Haut, und so blieb als gr\u00f6\u00dfte Kunst die Entscheidung f\u00fcr den richtigen Moment.<\/p>\n\n\n\n<p>Petunien, Lobelien, Bechertulpen, Akeleien &#8211; welche Blumen kannte sie nicht? Sie las die Stadt wie eine Landkarte aus Beetklecksen, Wiesengep\u00fcnktel, Zierstrauchzeilen, Baumstrichen. Wachte sie morgens auf in der Sehnsucht beispielsweise nach einem bestimmten Blau, einem Blau, das besoffen und atemlos zugleich machen konnte, so wusste sie von ihren st\u00e4ndigen Streifz\u00fcgen, wo Rittersporn wahrscheinlich gerade heute seine Bl\u00fcten \u00f6ffnen und sie sich hineinfallen lassen k\u00f6nnte in sein Meer aus Farbe, nackt und gl\u00fccklich, sich rundum drehen, bis dieses Blau ihre Haut durchdrungen und sie durchflutet hatte von Kopf bis Fu\u00df. F\u00fcr Nuancen von Rot war sie schon weite Wege gegangen, nur um sich in genau den Garten einzuschleichen, wo Rhododendronb\u00fcsche im von ihr ertr\u00e4umten Farbton gl\u00fchten und sie so reich erf\u00fcllten, dass sie fast zwei Wochen davon zehren konnte. Wie in sich anders Gelb sein konnte! Hoch trillerndes, zitroniges Gelb, die fast chorisch sonnigen, br\u00e4unlich geerdeten Varianten von Sonnenblumen &#8211; Verschiedenheiten, die sie in Wellen aufnahm und mal brauchte und suchte, an anderen Tagen geradezu floh und sich vielleicht im Violett eines Beetes voller Stiefmuttern mit deren fast ununterschreitbar tiefem Farbton in einen Gegenklang h\u00fcllte.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem leicht k\u00fchlen Sp\u00e4tsommermorgen stand sie vor einer Gruppe schulterhoher Weigelien, summte die zwischen Zweige und Bl\u00e4tter gestreuten daumengro\u00dfen Farbtupfer in Wei\u00df, Rosa, R\u00f6tlichstreifig an. Auf dem Kiesweg vom Parkeingang her schien niemand in unmittelbarer N\u00e4he unterwegs. Die beiden Polizisten, die neben dem Brunnen gestanden hatten, suchten wohl Schulschw\u00e4nzer oder Fahrraddiebinnen und waren offenbar wieder fort. Jacke, Rock, Hemd, Schuhe hatte sie bereits abgelegt, sie stand in ihrem wei\u00dfen Batistkleid bereit, riss die Klettverschl\u00fcsse auf, der Stoff glitt an ihrem K\u00f6rper auf das Gras. Sie hob die Arme, dehnte sich lang in die Sonnenstrahlen, die hinter Wolkenfetzen hervorbrachen und wollte sich gerade mit einem Schritt ganz dicht zwischen die zierlichen Bl\u00fcten gleiten lassen, als sie hinter den B\u00fcschen etwas Dunkles bemerkte. Dunkel, klobig, eine Art Buckel auf dem Boden. Ihr angestauter Atem pfiff h\u00f6rbar heraus. &#8222;Also&#8220;, sagte sie mit Deutlichkeit. Ein Ruck ging durch das da vorn, es bekam ein St\u00fcck Gesicht, ein Auge, das andere verschwand hinter einer Kapuze, vor allem aber erschien ein Mund. &#8222;Psst&#8220;, sagte der. Dann: &#8222;Oh!&#8220; Das Auge glotzte auf Fl\u00f6r, die mit erhobenen Armen stand, eine nicht angek\u00fcndigte Sch\u00f6nheit im Park. &#8222;Wieso psst?&#8220; fragte Fl\u00f6r. &#8222;Bist du mir nachgegangen?&#8220; Der Kopf am Buckel sch\u00fcttelte neinnein. &#8222;Und wieso versteckst du dich da? Dich sieht doch jeder.&#8220; Wieder bat der Mund &#8222;psst&#8220;, leiser. Aus dem Augenwinkel sah Fl\u00f6r die beiden Polizisten am fernen Ende der Lindenallee herumschauen. Der Kopf tauchte hoch, das zweite Auge machte alles zu einem ganzen Gesicht, ein junger Typ kauerte da hinter den B\u00fcschen. Sie sahen einander an, nicht lange, und vielleicht erst sie, dann er, oder umgekehrt, begann ein L\u00e4cheln. Sie streckte die Hand nach ihm aus. Die Kapuze glitt von seinen Haaren, er schaute unentwegt auf Fl\u00f6r, rutschte zur Seite. Sie schob die holzigen Zweige der Weigelien auseinander, bog sich ihm entgegen. Das war der Moment, in dem es nichts gab au\u00dfer ihnen beiden, nichts auf der Welt war vorhanden, die Welt waren sie, und der Himmel geh\u00f6rte ihnen. Dann teilte sich der Moment in zwei, und in dem zweiten sah Fl\u00f6r, dass die perspektivisch noch recht kleinen Polizisten in ihre Richtung liefen und dabei ihre M\u00fctzen festhielten. &#8222;Wieso suchen die dich? Hast du was geklaut?&#8220; fragte sie, b\u00fcckte sich, griff mit einem Arm nach ihrem wei\u00dfen Blumenbadekleid, schl\u00fcpfte hinein. Der Junge starrte weiter, abwechselnd auf sie oder einfach in die Luft, kam erst langsam im zweiten Teil des neuen Moments an. Er r\u00e4usperte sich, fl\u00fcsterte: &#8222;Weil ich keinen, also ich hab eben nicht, ich bin, also ich bin nicht von hier.&#8220; Nicht nur vom Fl\u00fcstern, auch von seiner Sprache verstand Fl\u00f6r ihn nicht leicht. &#8222;Seh ich, dass du nicht da wohnst. Wo dann?&#8220; Unter dem Kopf hoben sich die Schultern. Stille. &#8222;Aha.&#8220; Sie kniete sich nieder, beugte sich vor. &#8222;Warte. Die kriegen uns nicht.&#8220; Sie sch\u00fcttelte ihr kastanienbraunes Haar, dazu flossen Worte wie ein Bach im Wiesengrund. Ihre H\u00e4nde strichen \u00fcber das Gras, zwischen die d\u00fcnnen St\u00e4mme der Weigelien. Etwas bewegte sich um den Jungen. Eine Kuhle formte sich, er sank langsam darin ein, sah verwundert auf Fl\u00f6r, die unter ihrem Vorhang aus schwingenden Haaren den Boden streichelte. Tiefer und tiefer tat sich die Erde auf, der Junge wollte heraus, doch etwas hielt ihn fest, dr\u00fcckte ihn nach unten zwischen die rhizomischen Adern der Erde. Als Fl\u00f6r einmal aufschaute, waren die Polizisten keine Minute mehr von ihr entfernt. Sie w\u00fcrden sich \u00f6ffentlich ge\u00e4rgert und erregt f\u00fchlen, das war klar, obwohl niemand au\u00dfer ihnen Fl\u00f6r und den fremden Jungen sehen konnte. Die Weigelien beugten sich \u00fcber die Frau im d\u00fcnnen wei\u00dfen Kleid, ihre Bl\u00e4tter kitzelten sie am R\u00fccken. Hingebungsvoll hockte sie da, sp\u00fcrte, wie sich der Boden unter ihr verschob, wie sie murmelnd, fast singend in ihn aufgenommen wurde. &#8222;Ich bringe uns wieder raus! Keine Angst!&#8220; rief sie noch, bevor Hirtent\u00e4schel und Zitterrispe sich \u00fcber ihr zu einem federnden Teppich schlossen. Die Polizisten erreichten schwer atmend den Rand des Wiesenst\u00fccks. &#8222;Und wo hast du jetzt was gesehen?&#8220; fragte der eine. &#8222;Ich?&#8220; fragte der andere zur\u00fcck. &#8222;Gar nicht. Wieso?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>\u00a9 Ulrike Budde, Mai 2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fl\u00f6r versinkt Einer der Texte, die sich der seltsamen Welt der G\u00e4rten und Pflanzen anzun\u00e4hern versuchen.Erschienen in Biss M\u00fcnchen. Nie von einer Biene gestochen. Oder Hummel, Wespe, Hornisse. 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