{"id":120,"date":"2024-10-16T00:31:09","date_gmt":"2024-10-15T22:31:09","guid":{"rendered":"https:\/\/mille1000.de\/?page_id=120"},"modified":"2024-10-20T00:33:57","modified_gmt":"2024-10-19T22:33:57","slug":"120-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/home\/cillarim\/120-2\/","title":{"rendered":"Texte Cillarim Artur und das in uns"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group has-global-padding is-layout-constrained wp-container-core-group-is-layout-650790e1 wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<h1 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-x-large-font-size\"><strong>Artur und das in uns<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-wide\" style=\"margin-top:var(--wp--preset--spacing--20);margin-bottom:var(--wp--preset--spacing--20)\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">F\u00fcr Offene G\u00e4rten an der Ahr<br>Lesung in den Geheimen G\u00e4rten Rolandseck<br>15. September 2024<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Artur fragt seine Gro\u00dfmutter: &#8222;Wie geht das: Leben?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Gro\u00dfmutter schaut den Jungen eine Weile an. &#8222;Artur&#8220;, sagt sie schlie\u00dflich, &#8222;Artur, lebe wild und gef\u00e4hrlich.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Was aus Artur wurde, wei\u00df ich nicht. Ich wei\u00df aber, dass die Postkarte mit dem Foto eines circa 10j\u00e4hrigen Jungen, der eine knielange, verschrappte Hose tr\u00e4gt und ziemlich ernst in die Kamera schaut, seit rund 30 Jahren ein Verkaufshit ist. Der Text neben dem Bild lautet: Artur, lebe wild und gef\u00e4hrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben wie vielen Spiegeln steckt diese Postkarte? Wie viele haben sie zum Geburtstag, zur Ehescheidung oder zum Beginn der Rente bekommen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein St\u00fcck bedrucktes Papier empfiehlt, wild und gef\u00e4hrlich zu leben und wird zehntausendfach gekauft, verschenkt, verschickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Traum &#8211; \u00fcber den wir nichts erfahren. Jede und jeder von uns stellt sich unter &#8222;wild&#8220; und &#8222;gef\u00e4hrlich&#8220; etwas anderes vor.<br>Wunsch nach Entgrenzung, nach nicht voraussehbarem, aber erwartbarem Abenteuer, nach der Herausforderung durch die Begegnung mit etwas Starkem, das es zu beherrschen gilt &#8211; das kann ein kr\u00e4ftiger Motor sein. Viele von uns sehnen sich nach dem Wilden, nach Situationen, in denen wir zeigen und beweisen, was auch noch in uns steckt, au\u00dfer dem bekannten Gesicht und den vertrauten Reaktionen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr manche wahrscheinlich auch ein Albtraum. Wenn die Schranken des Gewohnten fallen, verlieren wir die Sicherheiten, die uns bisher durch die Tage und N\u00e4chte gebracht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Jahre besa\u00df meine Familie ein kleines St\u00fcck Land am Rand eines gro\u00dfen, teilweise trocken gefallenen Moorgebiets. Man konnte dort nichts weiter tun als sich aufzuhalten, keine H\u00fctte f\u00fcr Ger\u00e4tschaften bauen, keine feste Bank, keinen Tisch, nichts. Wir mussten immer alles mitbringen f\u00fcr einen Sommertag im &#8222;Moos&#8220;, wie das hie\u00df. F\u00fcr meine Schwester und mich war es fast unverzichtbar, irgendwann loszulaufen, jede f\u00fcr sich, durch das Unterholz, \u00fcber die zugewachsenen D\u00e4mme, durch Schilf-streifen und B\u00e4che, und nachzuschauen welche Libellen an einem tiefschwarzen kleinen See flogen. Ich lief und lief dann, kletterte auf br\u00fcchige Hochsitze, um bis zum weit entfernten Segelflugplatz zu schauen, auf dem sich vielleicht gerade ein Artur auf einen Flug vorbereitete. Ich blieb unten dann vielleicht stehen, beobachtete einen Schmetterling oder kitzelte mit einem Grashalm eine dicke Grille aus ihrem Loch.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder einfach nur so. Einfach nur so, weil das Gef\u00fchl, allein zu sein in dieser unregulierten, von den Torfstechern l\u00e4ngst verlassenen Gegend, unbeschreiblich sch\u00f6n war. In der Verloren-heit war ich ganz bei mir. Meiner viel j\u00fcngeren Schwester erging es auf ihren Streifz\u00fcgen genauso; wir haben inzwischen oft dar\u00fcber gesprochen und festgestellt, dass diese &#8211; aus Erwachsenensicht v\u00f6llig verantwortungslosen, gef\u00e4hrlichen &#8211; Stravanzereien in unsere innerste DNA eingegangen sind, uns gepr\u00e4gt haben, mit einem nie ganz gestillten Verlangen nach Aufbruch, Neuem, nach Mut zum Wilden, Unbekannten. Wir, Kinder damals, haben uns darin v\u00f6llig aufgehoben gef\u00fchlt. Haben uns selbst vertraut, obwohl es keine Wege, keine helfenden Menschen, nichts Unterst\u00fctzendes gab, um wieder sicher zur\u00fcck zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist die Natur, die Welt au\u00dferhalb unserer eigenen K\u00f6rperlichkeit, &#8222;wild&#8220;?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie soll man das beantworten? Sie ist in ihrem Wirken das, was wir in den Wissensbereichen Physik und Chemie zu erfassen suchen. Wenn wir die von dort bekannten Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten ignorieren, kann das schmerzhaft werden, sehr schmerzhaft. Das Ahrtal hat es erfahren. Mit tonnenschwerer Wucht breiteten sich Wassermassen aus und rissen alles mit, was diesen Kr\u00e4ften nicht standhalten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4ngst l\u00e4dt die Ahr wieder ein zu Badespa\u00df oder Spazierg\u00e4ngen. Wer aber beispielsweise in Stille den Weg in Bodendorf am Sportplatz vorbei bis zu den Steinmanderln geht, kann sich auf den Gegensatz einlassen, den dieser kleine Fluss den Menschen hier gezeigt hat: eine Nacht des Tobens, der Zerst\u00f6rung, der schrankenlosen Wildheit gegen\u00fcber dem verspielten Pl\u00e4tschern zwischen Wiesen und H\u00fcgeln, wie zuvor und seitdem wieder gewohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines der Projekte, die in der Reihe \u00fcber Offene G\u00e4rten an der Ahr vorgestellt wurden, befasst sich mit dem Konzept des Rewilding. Naturfl\u00e4chen wieder ganz sich selbst zu \u00fcberlassen, Menschen sind nur vorgesehen, um Best\u00e4nde von Zugv\u00f6geln zu erfassen oder \u00e4hnliches. In den Nationalparks der Alpen und im Bayrischen Wald geht man ebenso mit Waldgebieten und Felsen um, im Berchtesgadener werden nicht einmal Gemsen, die sich in den Felsen zu Tode gefallen haben, geholt, da sie Futter f\u00fcr die Adler und Geier dort sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel mehr solche Gebiete k\u00f6nnten in Deutschland, das nicht wirklich ein gro\u00dfes Fl\u00e4chenland ist, vermutlich kaum eingerich-tet werden. Sie sind ausgewiesen, teilweise mit Z\u00e4unen gesichert, und es wird kontrolliert, dass sich niemand unerlaubt dort aufh\u00e4lt. Passieren k\u00f6nnte einem sowieso nicht viel, die paar B\u00e4ren und W\u00f6lfe, die sich da vielleicht wieder herumtreiben, gelten als scheu.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich aber beispielsweise in New Mexico au\u00dferhalb von Santa F\u00e9 in die W\u00e4lder aufmacht, muss damit rechnen, einem Puma, einer unfreundlich gesonnenen Schlange, giftigen Spinnen und anderen Wesen zu begegnen, die einem Menschen schnell viel Schaden zuf\u00fcgen k\u00f6nnen, von den Gefahren aus der Beschaffenheit der Landschaft ganz abgesehen. Dort ist Natur tats\u00e4chlich eher &#8222;wild&#8220;, auch wenn sie kartographiert ist, ab und zu aus der Luft \u00fcberwacht wird und den Rangers einigerma\u00dfen vertraut sein d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Rewilding bedeutet Aufgabe der Kontrolle &#8211; das widerspricht erst einmal unserem \u00dcberlebensstreben. &#8222;Das kann nicht gut sein.&#8220; Eine Blumenwiese im einen Garten, englischer Rasen nebenan &#8211; schon sind Konflikte m\u00f6glich. Strategien, wie man mit der Welt umgehen sollte, prallen aufeinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Haben wir aber nicht gelernt inzwischen, dass in Freiheit entlassene Natur auch uns \u00fcber kurz oder lang gut tun wird? Doch, haben wir. Die Klugheit der Blumenwiese leben zu lassen, ist aber vielleicht ein Schritt, der f\u00fcr viele eine Herausforderung darstellt, Kontrolle \u00fcber die Natur sieht manche gleich Kontrolle \u00fcber das eigene Leben. Man m\u00f6chte gern Chefin bleiben trotz der inneren Gewissheit und auch Erfahrung, dass das ziemlich daneben gehen kann.<br>Natur jeder Art, sowohl die physische wie die seelische, folgt ihren eigenen Gesetzen. Wer die, nach denen f\u00fcr uns &#8222;Wildes&#8220; lebt, nicht anerkennt, wird es unter Umst\u00e4nden, die man vielleicht doch nicht so herbeif\u00fchren wollte, als das Gef\u00e4hrliche kennenlernen. Spazierg\u00e4nge in der Sahara oder im Packeis der Arktis sind kein &#8222;Spaziergang&#8220;. Wir sehen uns vor gegen Hitze oder K\u00e4lte, gegen Skorpione oder Eisb\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen die Natur, die nicht zu unserem Dasein passt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen das Wilde in uns selbst k\u00f6nnen wir uns oft nicht so wappnen. Wenn wir ehrlich w\u00e4ren, w\u00fcrden wir die Gewitter-wolken erkennen, die sich \u00fcber unserem Herzen aufbauen. Wir sehen sie, schieben sie in Gedanken weg, das Vertraute ist st\u00e4rker, wird Bestand haben, da sind wir sicher. Irgendwann aber bricht das Unwetter los, und trifft uns schlecht vorbe\u00adreitet. Unglaublicher Kummer, gro\u00dfe Trauer, eine herrliche Verliebtheit &#8211;&nbsp;sie \u00fcberfallen uns &#8222;wie aus heiterem Himmel&#8220;&nbsp;&#8211; und wir h\u00e4tten sie kommen sehen k\u00f6nnen, wenn wir imstande gewesen w\u00e4ren, hinzuschauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber will man das eigentlich immer? Nur und ausschlie\u00dflich in der Sicherheit leben wie ein Baby in der Wiege? Nein. Wir brauchen die Ver\u00e4nderung, das Auseinanderbrechen des Alten, damit mit Gl\u00fcck und Geduld Neues daraus entstehen kann, was auch immer es sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Bricht die uns umgebende Natur, unsere physische Heimat, aus den von uns gesetzten Begrenzungen aus, wirft sie oft das Unterste zuoberst. Im besten Fall. Gelegentlich entsteht, was wir als Katastrophen bezeichnen &#8211; das Wort enth\u00e4lt die altgriechische Silbe Kata f\u00fcr eine Art Umwirbelung, eine starke Richtungs\u00e4nderung, wie wir sie auch in Katapult finden, in Katarakt, Katalog (eine Liste mit einem Aufbau).<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir als Katastrophen erleben, sind in der Natur v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndliche, erkl\u00e4rbare Abl\u00e4ufe. Haben wir sie nicht vorausbedacht, sind wir ihnen ausgeliefert und k\u00f6nnen danach hoffentlich nur von Gl\u00fcck reden. Wild und gef\u00e4hrlich sind solche Ereignisse allein f\u00fcr Zuschauer. Wer sie erleiden muss, bleibt oft schwer gezeichnet von den Schrecken und Anstrengungen. Und hinterher wird man erkennen k\u00f6nnen &#8211; so man es will -, wo besser gebaut, anders geplant oder auf manches verzichtet werden muss. Neue Baupl\u00e4ne werden gezeichnet, Stra\u00dfen verlegt, Schutzmauern errichtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch unsere eigene, verborgen gehaltene Wildheit kann immensen Schaden anrichten, wenn wir sie nicht in Bahnen lenken, die unserem Leben gerecht wird. So befreiend sie ist und so punktgenau sie uns Sehns\u00fcchte, Defizite, Hoffnungen aufzeigt, so wird sie doch erst in bestem Sinn wirksam wie eine Arznei des Lebens, wenn wir mit einem neuen Wissen weitergehen.<br>Das Wilde in uns selbst braucht vielleicht nicht so sehr eine wilde, entfesselte Natur, die zwar das Letzte von uns fordert, aber im Zweifelsfall doch die st\u00e4rkere Kraft bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wilde in uns selbst braucht m\u00f6glicherweise einfach nur den Mut, morgen endlich das anzupacken, wovon wir schon lange tr\u00e4umen &#8211; und wovon wir wissen, dass es gef\u00e4hrlich werden kann: f\u00fcr das Vertraute, Warme, Alte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>\u00a9Ulrike Miller, September 2024<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artur und das in uns F\u00fcr Offene G\u00e4rten an der AhrLesung in den Geheimen G\u00e4rten Rolandseck15. September 2024 Artur fragt seine Gro\u00dfmutter: &#8222;Wie geht das: Leben?&#8220; Gro\u00dfmutter schaut den Jungen eine Weile an. &#8222;Artur&#8220;, sagt sie schlie\u00dflich, &#8222;Artur, lebe wild und gef\u00e4hrlich.&#8220; Was aus Artur wurde, wei\u00df ich nicht. Ich wei\u00df aber, dass die Postkarte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":7,"menu_order":1,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-120","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/120","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=120"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/120\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":359,"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/120\/revisions\/359"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mille1000.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=120"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}